26. März 2016

Wo sind die jungen Frauen hin?

Im Landkreis Görlitz gibt es einen Männerüberschuss. Europaweit ist das einmalig.

Bislang trug der demografische Wandel im Landkreis weißes Haar. Weniger werde die Bevölkerung und älter. In zehn Jahren sollen nur noch 230.000 Einwohner zwischen Bad Muskau und Oybin leben. Heute sind es noch ein Viertel mehr. Doch Wissenschaftler vom Leipziger Leibnitz-Institut für Länderkunde fügen den Veränderungen nun eine neue Facette hinzu. Denn die Einwohner werden auch männlicher. Vielerorts leben inzwischen deutlich weniger junge Frauen als Männer. Denn von denen, die ihren Schulabschluss in der Tasche haben, sind es im direkten Geschlechtervergleich vor allem die Damen, die das Weite suchen. Das führt zu einer Schieflage, wie die Zahlen belegen. 

Im Schnitt kommen im Kreis Görlitz in der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen auf 100 Männer nur 86 Frauen. Das ist zwar besser als im Landkreis Bautzen, der mit nur 80 Frauen auf 100 Männer europaweit ein einmaliges Phänomen aufweist, aber Dresden ist mit 94 Frauen auf 100 Männer doch noch deutlich ausgeglichener besetzt als der Kreis Görlitz. Hier sind es vor allem die Extreme, die auffallen. So kommen in Mücka nur 52 junge Frauen auf 100 junge Männer, auch im benachbarten Kreba-Neudorf und in Beiersdorf im Süden des Kreises liegt die Quote unter 60 Prozent. Dagegen haben Görlitz und Berthelsdorf einen Frauenüberschuss. Und Jonsdorf ist die Gemeinde im Landkreis, wo junge Frauen und Männer den Forschern zufolge exakt im Verhältnis eins zu eins leben. 

Das Phänomen des jungen Frauenmangels ist nicht ganz neu. Vor sieben Jahren wies das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner Studie „Not am Mann“ auf diese Entwicklung hin. Forschungsleiter Steffen Kröhnert erläuterte damals an der Situation der Stadt Ebersbach im Landkreis Löbau-Zittau, wie die Abwanderung von jungen Frauen die Stadtgesellschaft in den 1990er Jahren verändert hatte. Ebersbach gehört mit Zittau und Seifhennersdorf zu jenen Städten im Landkreis Löbau-Zittau mit der höchsten Abwanderung zwischen 1990 und 2005. Kröhnert kam zu dem Schluss, dass die jungen Frauen deswegen der Oberlausitz den Rücken gekehrt hätten, weil sie einen besseren Schulabschluss und damit höhere Ansprüche an einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz gestellt hätten. „Gerade in den wirtschaftsschwachen Landstrichen“, so schrieben die Berliner Forscher damals, „stellen Frauen einen besonders hohen Anteil unter den Abiturienten, mit der Folge, dass dort auch die Frauenabwanderung am stärksten ausgeprägt ist“. 

Das bestätigen auch Untersuchungen des Statistischen Landesamtes in Kamenz. So wanderten zwischen 1990 und 2002 vor allem Personen ab, die jünger als 30 Jahre waren. Unter ihnen wiederum besonders viele junge Frauen. So gaben zwölf Prozent der jungen Frauen bei einer Umfrage 2000/2001 an, wegen der Ausbildung oder des Studiums Sachsen verlassen zu haben, 21 Prozent zogen zu ihrem Lebenspartner und 17 Prozent gaben familiäre Gründe an – alle diese Werte liegen deutlich über denen der Männer, bei denen der höhere Verdienst Hauptfortzugsmotiv war. 

Wer nun glaubt, das Phänomen habe an Bedeutung verloren, der irrt. Wie die Kamenzer Statistiker für das erste Halbjahr 2013 berechneten, verließen 173 Frauen mehr den Landkreis Görlitz, als an die Neiße zogen. Die Abwanderung hält also an. Nach Ansicht der Fachleute hat sich in Ostsachsen eine regelrechte „Abwanderungskultur“ etabliert. Aus Befragungen von jungen Leuten aus Problem-Regionen in Sachsen-Anhalt wissen die Forscher, dass Eltern ihre Kinder oft schon lange vor deren Schulabschluss auf eine Abwanderung vorbereiten. „Ungeachtet der inzwischen wesentlich besseren wirtschaftlichen Lage sehen Eltern und deren Kinder aus der Tradition heraus noch immer kaum Perspektiven, einen gut bezahlten Job zu finden und erfolgreich zu sein“, erklärt Tim Leibert. 

Besonders bei Frauen sei die pessimistische Haltung stark ausgeprägt. Da hilft es auch wenig, wenn der Görlitzer Landrat Bernd Lange unermüdlich für eine Ausbildung im Landkreis wirbt, beispielsweise mit der Messe „Insider“, und beschwörend sagt: „Wir brauchen jeden hier.“ Am besten klappt das an der Hochschule: Dort studieren weitaus mehr Frauen als Männer.

 

Quelle: 22.01.2014 Sächsische Zeitung